Einleitung zur Geschichte

Bei dieser Aufstellung handelt es sich um einen stichwortartigen Überblick der Artikel, die anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Verleihung einer Erweiterungsurkunde unseres Marktrechts (sicher seit 1583) im Jahre 1989 in einem „Geschichte - Buch” herausgegeben wurden, ergänzt um weitere wichtige Daten der jüngeren Geschichte.

Autoren dieses „Geschichte – Buches” sind: Martha Gammer, Werner Schwarz, Erich Neugschwandtner, Rudolf Lehner jun., Rudolf A. Haunschmied und Peter Plank.

 

Geschichte von St. Georgen/Gusen

Ältere Steinzeit:

Die Gegend im Donautal ist zumindest Durchgangsplatz für Menschen gewesen. Zahlreiche jungsteinzeitliche Funde (Mammut, Werkzeug, Knochenreste eines Wollnashorns, eine Knochenahle und Pfeilspitzen) bezeugen dies. Unter Schichten von Schwemmlandboden wurden slawische Gräber gefunden. In der Jungsteinzeit und später in der Bronzezeit diente das "Berglitzl", ein Granitfelsen im Schotterland der Donau, als kultischer Opferplatz von Menschen und Tieren.

Jahrtausendwende:

Um die erste Jahrtausendwende drangen vom Westen die Bayern ein, die mit den Slawen relativ bald zu einem friedlichen Zusammenleben fanden: Grund dafür war vor allem das gemeinsame Ziel, die wichtigen Handelswege durch das Mühlviertel zu bewachen und zu sichern. Hier wurde nämlich das Salz aus dem Salzkammergut nach Böhmen transportiert.

Zwischen 1220 und 1240:

Erstmalige Erwähnung eines Anwesens (Steinmaßlgut oberhalb Gusen) im Babenberger Urbar: „Officium Sancti Georgii“.

1288:

Der bairische Edelmann Popo von Grinperc (Ennstal) verkauft das „officium sancti Georgii” dem Ullrich von Capellen, einem Vertreter eines der später bedeutendsten Geschlechter des ausgehenden Mittelalters.

1306:

Gründung des Klosters Pulgarn durch Agnes von Falkenberg (Mutter des Jans von Capellen).

1423/1432:

Erste Zerstörungen durch Hussiten und Ungarn.

1468:

Die Hussiten zerstören Pulgarn und neuerlich St. Georgen.

Seit der Römerzeit bis ins 17. Jahrhundert:

Ortschaften rund um St. Georgen liegen am sogenannten „geheimen” Salzweg nach Böhmen.

1689:

Älteste erhaltene Urkunde betreffend das erweiterte Marktrecht.

1760:

Im Jahre 1760 gab es in St. Georgen 33 Webermeister und zahlreiche niedergelassene Webergesellen, die das Dreifache der Nachbargemeinden an Leinen erzeugen konnten.
Die mechanischen Webstühle brachten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Niedergang der Weberei.
Als Ersatz wurde ab 1896 die Karde angepflanzt, eine aus Spanien stammende Distelpflanze, die zum Aufrauhen der Baumwollgewebe benötigt wurde. Sie wurde bald zu einem wichtigen Erwerbszweig der Bauern. Erst 1955 wurde der Kardenanbau eingestellt.

1776:

Errichtung der Volksschule in St. Georgen/Gusen.

1804:

Errichtung des alten Schulhauses.

1859:

Gründungsjahr des Musikvereins.

1879:

Errichtung eines Naturbades durch Aufstauen der Gusen („Lido von Linz“).

1897:

Gründung der Freiwilligen Feuerwehr

Bis ins 19. Jahrhundert:

Neben der Entwicklung von St. Georgen zum Weber-Ort werden im 19. Jahrhundert Bauernmöbel in St. Georgen hergestellt (Tischlerei Zuschratter).

1908:

Gründung des Gesangsvereins

März 1938:

Besetzung Österreichs durch reichsdeutsche Truppen. Himmler und Pohl besichtigen Steinbrüche in Gusen und im Wienergraben.

29. April 1938:

Gründung der Deutschen Erd- u. Steinwerke GmbH (DEST) in Berlin (SS-Firma).

16. Mai 1938:

30 Mitarbeiter der DEST arbeiten in den Steinbrüchen von Mauthausen.

30. Juni 1938:

Erste Großaufträge für die DEST (Ausbau der Reichsstädte Berlin, Nürnberg, München und Linz).

4. August 1938:

Die SS sichert sich Sandabbaurechte im heutigen Brunnenschutzgebiet (Mörtel für Lageraufbau in Mauthausen).

8. August 1938:

Erste Häftlinge und SS-Angehörige für die DEST kommen aus Dachau (Aufbau von 14 Baracken - Gründung des KL Mauthausen im Wienergraben).

Dez. 1939:

Gründung des KL GUSEN I; Alle Polen sind ausnahmslos im Steinbruch Gusen und im Ziegelwerk Lungitz eingesetzt (Vernichtung durch Arbeit!).

Juni 1940:

Erste Häftlingstransporte treffen direkt in St. Georgen/Gusen ein.

Sommer 1940:

SS-Ausbauprogramm für St. Georgen/Gusen (DEST-Zentrum östlich des Marktes).

1941:

Etwa 4000 Häftlinge im KL Gusen I: Polen, russische Kriegsgefangene, Spanier.

1. Jänner 1941:

KL Mauthausen und Gusen als einzige Lager der Lagerstufen III (RU) zugeordnet.

29. Jänner 1941:

Krematorium Gusen geht in Betrieb, eigenes Standesamt für Wachpersonal.

März 1941:

Baubeginn der Schleppbahn (von St. Georgen Bahnhof zum Lager Gusen) und Gusenregulierung.

15. Oktober 1941:

Seuchen aus den KL werden in die Bevölkerung verschleppt (Ortschaften Langenstein, Gusen und Frankenberg werden gesperrt; 7 tote Zivilisten und 25 tote SS-Leute sind registriert). SS befiehlt Impfaktion der Bevölkerung.
Wasserleitungsbau wird vorangetrieben. Brunnen beim Kindergarten muss zugeschüttet werden. „Totbadeaktionen“ beginnen (3000 Tote bis 1942!).

Ende 1941:

Gusen zählt ca. 1000 Häftlinge mehr als Mauthausen. Vorgesehene Häftlingszahl von 8500 für die DEST ist erreicht.

19. Juli 1942:

Der Chef des RSHA und des SD, SS-Obergruppenführer Dr. Ernst Kaltenbrunner, ist anlässlich der Eröffnung der Schießstätte in St. Georgen/Gusen. Eine SS-Ehrenkompanie wird gestellt, ein polnischer Professor wird zur Eröffnung erschossen.

Mai 1943:

Die Steinproduktion wird herabgesetzt. Die DEST beginnt (mit Häftlingseinsatz) für die Steyr-Werke und die Heereszentralanstalt Wien für die Kriegsindustrie zu arbeiten: vor allem Gewehrproduktion.

Sommer 1943:

Die DEST entwickelt sich als Partner für die Messerschmitt AG (Flugzeugwerke Regensburg). In Gusen werden von der DEST in 4 Hallen Rümpfe für die Me109 vorgefertigt.

22. August 1943:

Gründung des Sonderstabes Kammler: Vorbereitung des Stollenbaus in St. Georgen/Gusen.

14. November 1943:

Der 12-jährige Alois Klaubauf wird als Treiber in der Au vom Leiter der Staatspolizei Linz (irrtümlich) erschossen. SS-Kommandant Ziereis lässt die Ermittlungen niederschlagen.

1. Jänner 1944:

Gründung des Jägerstabes zur Vorbereitung der Flugzeugwerke. Erste Häftlinge vom KL Gusen I werden für „Bergkristall Bau” abgestellt. Die Stollenanlage in dem St. Georgener Sandberg wird begonnen.

9. März 1944:

KL Gusen II wird gegründet mit zwei Aufgaben: Stollenbau und Produktion des Düsenjägers Me262. Die Häftlinge kommen aus vielen anderen Lagern (Italiener, Juden aus Auschwitz - insgesamt ca. 20.000 - 25.000 Menschen).

8. Mai 1944:

SS-Obergruppenführer Pohl inspiziert „Bergkristall”.

7. Dezember 1944:

Die Volksschule wird geschlossen (wird Flüchtlingsunterkunft).

16. Dezember 1944:

KL Gusen III wird eröffnet (Ziegelwerk, Bäckerei und Flugzeugteile in Lungitz).

Jänner 1945:

Alliierte Geheimdienste haben Pläne für strategisches Bombardement von St. Georgen fertiggestellt.

Frühling 1945:

Deportation von Juden direkt aus dem geräumten KL Auschwitz zur Vernichtung durch Arbeit in das KL Gusen II, teilweise Fußmarsch nach Ebensee und Gunskirchen (Todesmärsche).

Frühling 1945:

Die Marktbevölkerung und Schulkinder üben regelmäßig die Evakuierung in die Bergkristall-Tunnel bei Fliegeralarm, dabei auch Direkt-Kontakte mit Häftlingen.

16. April 1945:

Sowjetische Flugzeuge werfen um 00.30 Uhr 12 Splitterbomben im Bereich des Bräuhauses (Haus Pötsch = Gleisportal von „Bergkristall”). Bedrohung des Marktes durch gezielte Bombardierungen wächst.

5. Mai 1945:

Befreiung durch US-Truppen (S/Sgt. Albert J. Kosiek and 23 men of 41st Recon. Squad., 11th Ard. Div., 3rd US-Army) über Inititative des Schweizer Rot-Kreuz-Delegiteren Lois Häfliger. Danach Lynchjustiz unter Häftlingen in Gusen; Bevölkerung wird wochenlang terrorisiert.

8. Mai 1945:

Zwangsvorführung der Bevölkerung durch die Amerikaner an den offenen Massengräbern (Totenbeehrung).

21. Mai 1945:

Erst jetzt wird wieder die Gendarmerie als Sicherheitsdienst bestätigt. Vorher herrscht das Recht des Stärkeren.

25. Mai 1945:

180 kriminelle Häftlinge (Kapos) werden von den amerikanischen Besatzern nach regelrechten Gefechten ins ehemalige KL Gusen I eingeliefert. Sie haben zuvor die Bevölkerung mit Maschinenwaffen terrorisiert. Die US-Truppen brennen die Baracken von Gusen II nieder.

28. Juli 1945:

Einzug der Roten Armee in St. Georgen/Gusen, Rückzug der US-Truppen aus dem westlichen Mühlviertel.
Der Gasthof Haas (heute Böhm) wird Offizierskasino. 500 Flüchtlinge und 2000 sowjetische Zivilarbeiter werden im ehem. KL Gusen I einquartiert und dort militärisch ausgebildet.

Sommer 1945:

Plünderung durch sowjetische Soldateska.

14. August 1945:

Bürgermeister Schaup wird gewählt.

10. September 1945:

Sowjets beginnen Demontage der Baracken und Zäune von „Bergkristall” in St. Georgen/Gusen.

November 1945:

Bürgermeister Schaup wird von den Sowjets verhaftet und wochenlang in Freistadt festgehalten.

14. Juni 1946:

Auflösung der sowjetischen Ortskommandatur (Soldaten ziehen aus dem Markt ab).

21. Dezember 1946:

Die Bergung und der Abtransport von herumliegenden Materialien durch eine im KL Gusen ansässige Firma wird eingestellt. Die Arbeiter wurden nur schlecht und am Schluss gar nicht mehr entlohnt!

Juli 1947:

Letzte Abtransporte aus den Stollenanlagen.

4. September 1947:

100 Soldaten einer sowjetischen Strafkompanie beginnen die Sprengung der Stollen vorzubereiten.

17. September 1947:

Stollen in Gusen mit mäßigem Erfolg gesprengt.

15. November 1947:

Hauptsprengung der Stollen in St. Georgen/Gusen (Sachschäden im Ort).

1948:

Zwangsbewirtschaftung von Wäsche, Kleidern, Seife wird aufgehoben.

1949:

Zwangsbewirtschaftung von Fleisch, Fett, Öl und Zucker wird aufgehoben.

Sommer 1949:

Erste Grundstücke auf Griesäckern werden als Bauland verkauft.

1954:

Hochwasserkatastrophe im Juli.

1955:

Abzug der Roten Armee (Sammelstelle der Soldaten = KL Gusen) und Wiedererlangung der Freiheit Österreichs.

1964:

Einweihung des alten Musikheimes.

1968:

Gründung der Rot-Kreuz-Dienststelle in St. Georgen/Gusen.

1989:

Am 17. Juni wird die Wettbewerbsgruppe des Roten Kreuzes St. Georgen/Gusen Europameister beim „Erste Hilfe Wettbewerb“!

1996:

Eröffnung des neuer Kindergartens mit 4 Gruppen.

1997:

Die Marktgemeinde St. Georgen/Gusen hat seit 8. März 1997 eine Städtepartnerschaft mit der ca. 35.000 Einwohner zählenden Stadt Empoli in der Toskana. Anlass dieses Vertragsabschlusses ist die "verstrickte" Vergangenheit der beiden Orte während der nationalsozialistischen Herrschaft in Europa. Aus Empoli sind zu Beginn des Weltkrieges junge Facharbeiter der Glasfabrik deportiert worden. Diese namentlich bekannten Personen mussten in den unterirdischen Stollenanlagen von St. Georgen/Gusen (Projekt Bergkristall) unter unmenschlichen Arbeits- und Sozialbedingungen arbeiten. Viele von ihnen kamen ums Leben.

1999:

Das Gebäude des Einsatzzentrums (Unterbringung für die Freiwillige Feuerwehr, das Rote Kreuz, den Musikverein, die Polizei und das Jugendzentrum) wird eröffnet.

2000:

Erweiterung des Kindergartens auf 6 Gruppen.

2002:

Hochwasserkatastrophe im August.

April 2008:

Offizielle Eröffnung der Biomasse-Fernheizanlage.

Oktober 2008:

Eröffnung des Aktivpark4222, der nicht nur eine Mehrzweckhalle für die St. Georgener Vereine beherbergt, sondern auch die neuen Werkstätten der Polytechnischen Schule.

Mai 2009:

Eröffnung der neuen Einsegnungshalle beim Friedhof.