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Die Biodiversitätskrise – eine unterschätzte Gefahr!

Nach Corona, Ukraine-Krieg, Inflation und Klimakrise schon wieder ein weiteres Problem zu verdauen? Ich kann Sie verstehen und so manche Mitmenschen vermeiden mittlerweile die Konsumation von Zeitungen, Radio oder Fernsehberichten, um ihre eigene Psyche zu schonen. Allerdings lassen sich Krisen mit Augen zu und Durchtauchen leider nicht verhindern, wir müssen uns den Themen stellen ob wir wollen oder nicht. Das sind wir nachfolgenden Generationen geschuldet. Auch wenn die Klimakrise umweltthematisch derzeit die Medienlandschaft dominiert, ist es wissenschaftlich erwiesen, dass die sogenannte Biodiversitätskrise eine noch höhere Gefahr für die Menschheit bedeutet, auch wenn die Politik dies flächendeckend noch nicht verstanden hat. Dummerweise lässt sich dieses Problem nicht wie die Klimakrise auf CO2-Emissionen und ihre Ursachen reduzieren, nein, die Biodiversitätskrise hat viele Ursachen, Väter und Mütter und ob wie es wollen oder nicht, jeder von uns trägt seinen Anteil dazu bei. Für alle, die mit dem Begriff Biodiversität nichts oder nur teilweise etwas anfangen können, hier eine kurze Erklärung: Die Biodiversität ist die Gemeinschaft des Lebens, alles was lebt: Tiere, Pflanzen, Pilze und Bakterien. Biodiversität schließt aber auch die genetische Vielfalt innerhalb der Arten (Unterarten, Rassen, Sorten) sowie die Fülle der Lebensgemeinschaften und Lebensräume (Ökosysteme) ein.

In Österreich leben etwa 67.000 verschiedene Arten von Lebewesen. Deren Schutz sollte uns auch aus Eigeninteresse ein dringendes Anliegen sein.

Die wichtigsten und nicht alle Gründe des Rückgangs der Biodiversität sind hier nachfolgend ohne Prioritätenreihung aufgezählt:

  • Land- und Forstwirtschaft mit ihren Bewirtschaftungsformen (insbesondere Pestizideintrag)
  • Lichtverschmutzung
  • Stickstoffeinträge aus Industrie und Verkehr
  • Landversiegelung und -durchschneidung
  • Flurbereinigungen
  • Klimawandel
  • Bevölkerungsentwicklung (die Erde ist nicht für 10 Milliarden Menschen konzipiert)
  • falsche Behandlung öffentlicher Flächen
  • falsche Gartengestaltung
  • fehlende Bewusstseinsbildung, Bildungserosion
  • Konsumentenfehlentscheidungen
  • fehlende oder falsche politische Entscheidungen
  • keine generative Verantwortung

Manche dieser Ursachen könnte man mit etwas persönlicher Anstrengung in Angriff nehmen, bei anderen bedarf es globaler Bemühungen und eines Paradigmenwechsels. Wenn jedes Jahr 0,5 % der Ackerflächen Österreichs aus der Nutzung genommen werden, wenn täglich bis zu 13 Hektar Grund in Österreich neu versiegelt werden (Österreich ist hier bei diesem Thema Europameister!), dann lässt sich leicht erkennen, welche Zukunft unserem Land bevorsteht. Natürlich betrifft dieses Problem heute lebende erwachsene Mitbürger nur am Rande, es sind unsere Kinder und Enkelkinder und weitere Generationen, die sich dieser Zerstörung stellen werden müssen. Hier sollte ein Manko unserer Demokratie angesprochen werden. Politiker wollen alle 5 bzw. 6 Jahre gewählt werden, deren Wahlziele richten sich nach den Bedürfnissen dieser Zeitspanne, langfristige Erfordernisse oder Strategien (Schulden, Biodiversitätsentwicklungen, Klima, Pensionen etc.) haben in den Wahlkämpfen keinen Platz und werden auch nicht (ausreichend) thematisiert, sie könnten sogar zu Stimmeinbußen führen. Und ähnlich geht es den Wählern, die Zuteilung von Wahlstimmen richtet sich nach kurzfristigen persönlichen Bedürfnissen. Eine Verteuerung des Flugverkehrs, eine Reduzierung der Höchstgeschwindigkeiten auf Straßen, Maßnahmen zur Eindämmung des Flächenverbrauchs, all das würde einer wahlwerbenden Partei zum Nachteil gereichen. Also „wurschteln“ wir so weiter wie bisher, sollen sich doch spätere Generationen (notgedrungenerweise) Lösungen einfallen lassen.

Bezüglich Biodiversitätsentwicklung noch ein paar Zahlen zum Nachdenken:

  • 2018 wurden in Österreich 53% mehr Pestizide verkauft als 2011.
  • Spitzenreiter im Pestizideinsatz ist der nicht biologische Apfelanbau mit durchschnittlich 31 Behandlungen in 24 Wochen
  • Rückgang von Rebhuhn und Kiebitz bei uns bis zu 90 %
  • 78 % aller Blütenpflanzenarten der gemäßigten Breiten sind für ihre Bestäubung auf Insekten angewiesen
  • Rückgang der Insektenmasse in den letzten 30 Jahren selbst in Naturschutzgebieten: 75-80 %
  • Die von der EU besonders geschützten Tier- und Pflanzenarten (FFH-Arten) haben im Alpinbereich in Österreich nur eine 19 %ige positive Entwicklungsprognose, im Flachland nur 13 %.
  • In Mitteleuropa sind je nach Land und Region zwischen 25 % und 68 % aller Wildbienenarten gefährdet
  • zwischen 1950 und 2004 ist in unseren Schulbüchern ein Rückgang der Nennung von Pflanzen- und Tiernamen um mehr als 50% zu verzeichnen
  • knapp 8 % der Schüler im Alter von 10 bis 17 Jahren kennen KEINEN einzigen heimischen Vogel
  • Das Weltwirtschaftsforum (sicherlich kein Naturschutzorgan) definiert 2018 zum 13. mal die fünf großen Umweltkrisen mit dem Ergebnis, dass alle zugenommen haben und die Erde an den Rand des Kollaps bringen. Unter Punkt 3 ist zu lesen: Erheblicher Verlust der Biodiversität. Damit geht der Zusammenbruch von Ökosystemen (terrestrisch und maritim) einher. Das wiederum führt zu unumkehrbaren Konsequenzen für die Umwelt mit beispielsweise nahezu aufgebrauchten Ressourcen für die Menschheit und die globalen Industrien.“

Liebe Leserinnen und Leser, sie werden merken, dass mit den wenigen genannten Punkten nicht alle Themen angeschnitten wurden, sie werden auch herauslesen, dass meine Hoffnung auf maßgebliche Korrekturen schwer erkennbar ist (hier besteht eine kollektive Taubheit), allerdings ist die Änderung unserer Entwicklungswege die einzige Chance, der Menschheit und allen begleitenden Geschöpfen eine Zukunft zu geben. Wie sagt man so gerne: die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wer mehr zum Thema erfahren möchte, unter https://www.frf.at/?s=gusenleitner gibt es zusätzliche Infos, für die hier nicht ausreichend Platz besteht.

Fritz Gusenleitner